Ein Balanceakt

 

175 Jahre Fotografie – Daguerre vs. Talbot

Eine Zeitreise.

Eine Zeitreise.

Die Erfindung der Fotografie

Paris 07. Januar 1839: Wie das damals wohl war? Ob Louis Daguerre nervös war, als seine Erfindung, die Daguerreotypie, der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgestellt wurde? Er hatte es geschafft die Projektion der Camera Obscura haltbar zu machen. Die Projektion musste nun nicht mehr abgemalt werden. Das Licht zeichnete bei seinem Verfahren das Abbild selbst. Daguerre konnte die Projektion der Camera Obscura auf einer von ihm beschichteten Kupferplatte dauerhaft festhalten. Das war schon was. Viele Erfinder arbeiteten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an diesem Problem. Die Lichtempfindlichkeit von Silber und vor allem Silbersalzen war bekannt. Die Zeit drängte also und saß Daguerre im Nacken. Da war zum Beispiel William Henry Fox Talbot. Der Engländer hatte die verrückte Idee, Bilder auf Papier zu belichten und war bereits 1834 in der Lage, seine lichtempfindlichen Papiere zu verarbeiten. Seine Resultate erschienen ihm aber irgendwie komisch – und negativ.

Erst 1837 entstand bei Daguerre das erste fixierte Bild.  Zur Herstellung dieser Daguerreotypie beschichtete Daguerre eine Kupferplatte mit Silber und setzte diese Platte und sich selbst Chlor- oder Bromdämpfen aus. Durch das Bedampfen entstand auf der Silberschicht der Platte lichtempfindliches Silberiodid bzw. Silberbromid. Dank dieses Verfahrens musste die Platte jetzt nicht mehr eine knappe Stunde, sondern nur noch einige Minuten belichtet werden. Eher zufällig erkannte Daguerre dann, dass man wunderbar mit einer Salzlösung oder mit einem Schuss Zyankali die unbelichteten Silbersalze nach der Dauerbelichtung auswaschen konnte. Er nannte es fixieren. Daguerre empfand sein Verfahren in der Zeit zwischen 1837 und 1839 als  ausgereift, praxistauglich und einsatzfähig. 20 Minuten in der Camara Obscura belichten, dann mit Hilfe einer Lösung die unbelichtete Bromsalze auswaschen, fertig. Im richtigen Winkel zum Licht erschien dann auf der Kupferplatte ein positives Bild.

Daguerre wusste jedenfalls um die Bedeutung seiner Entdeckung. Er kannte auch die Höhe der Latte, die er nicht reißen durfte. Fixierbar musste das Bild sein und die Belichtungszeiten mussten kürzer werden. Trotzdem wartete er noch bis 1839 mit der Veröffentlichung seiner Ergebnisse. Fürchtete er mit seiner Erfindung vor der Pariser Akademie der Wissenschaften zu scheitern? Jede Daguerreotypie war ein Unikat und nicht kopierbar. Davon mal abgesehen war das Abbild der Natur auf einer Daguerreotypie zwar recht detailliert, ein positives Bild ergab sich aber nur durch den richtigen Einfall des Lichtes auf die Daguerreotypie. Nicht ganz perfekt also. Am 19. August 1839, vor knapp 175 Jahren, war es dann soweit.  Die Pariser Akademie der Wissenschaften veröffentliche das Verfahren zur Fixierung eines Bildes nach Daguerre.  Möglicherweise hatte der Franzose über Umwege von dem Engländer Talbot gehört, der schon seit einigen Jahren komische Bilder auf Papier belichtete, und fürchtete nun, ein anderer als ein Franzose könnte ihm zuvorkommen. Der Forschungserfolg musste also  publiziert werden. Immerhin war es durch Daguerre nun möglich, ein detailgetreues Abbild der Natur zu schaffen, völlig egal ob es kopierbar war oder nicht.

Die Gelehrten der Akademie fanden Daguerres Verfahren nicht nur ausgereift, sie kauften es ihm quasi sofort ab. Das Verfahren sollte allen Menschen zugänglich gemacht werden. Ein Geschenk Frankreichs an die Welt sollte es sein. Der Kaufpreis betrug monatlich 6000 Franc als lebenslange Rente.

Und William Henry Fox Talbot? Dem war es ja bereits 1834 gelungen, normales Papier so zu behandeln, dass es lichtempfindlich wurde. Leider kamen aber immer nur negative Abbilder heraus. Die Nachricht aus Paris, dass irgendein Daguerre es geschafft hatte Bilder der Camera Obscura festzuhalten, musste für ihn wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein. Das Rennen war entschieden. Talbot hatte verloren. Die Royal Society wollte Talbots Verfahren nicht einmal mehr veröffentlichen. Talbot war total frustriert. Er musste jetzt dringend zum Abschluss seiner Arbeiten kommen. Blöd nur, dass alles, was in der Natur weiß war, auf seinem Papier schwarz wurde. Alles was schwarz war, erschien auf seinem Papier weiß. Im Sommer 1840 kniete sich Talbot auf Anraten seiner Freunde deshalb noch einmal richtig rein in die Forschungsarbeiten. Er erkannte, dass sein Verfahren sich grundlegend von dem des Daguerre unterschied und entdeckte, dass eine 20-Minütige Belichtung gar nicht notwendig war. Schon bei kurzen Belichtungszeiten entstand auf seinen Papieren ein Bild, das man einfach noch nicht sehen konnte. Ein latentes Bild sozusagen. Das Bild ist zwar da, es ist aber nicht sichtbar. Verrückt das Ganze. Er hatte es all die Jahre nach 1834 einfach nicht gesehen. Das latente Bild.

Talbot hatte ein nicht sichtbares Abbild nicht gesehen. Wie auch? Um dieses latentes Bild sichtbar zu machen, müsste man irgendwie der lichtempfindlichen Schicht im Nachhinein mehr Energie zuführen, ähnlich wie es die Sonnenstrahlen während der eigentlichen Belichtung tun. Der winzige Silberkeim, den keiner sehen konnte, müsste, sagen wir mal – weiterentwickelt werden. Vielleicht mit Gallussäure? Oder Silbernitrat? Könnte klappen, wenn die lichtempfindliche Schicht aus einem Silbersalz bestünde, das wunderbar mit der Chemie, nennen wir es Entwickler, reagieren könnte. Jodsilber etwa. Dann waren da aber noch diese lästigen Umkehrungen der Grautöne. „Negatives Bild“ nannte es einer der Freunde Talbots’. “Man müsste irgendwie aus dem negativen Bild ein positives Bild machen”, riet er ihm. Nur wie?

Mit Wachs. Talbot badete seine Papiere in Wachs. Dadurch wurde das negative Papierbild transparent und konnte durchleuchtet werden. So konnte man das Papiernegativ  auf ein weiteres mit Jodsilber beschichtetes Papier legen und kopieren. Was in der Natur weiß war, war nun auf dem Papier weiß. Schwarz wurde Schwarz. Mittelgrau blieb mittelgrau. Das Negativ wurde zum Positiv. Das war aber noch nicht alles. Talbot stellte fest, dass er aus seinem Negativ hunderte positive Bilder abziehen konnte. Es war erfrischend einfach. Papier unter Negativpapier. Einige Sekunden Licht. Entwickeln. Fixieren. Fertig.

Am 8. Februar 1841 ließ Talbot sein fotografisches Verfahren patentieren. Doch das Rennen um die “Erfindung der Fotografie” hatte er verloren. Diese Leistung wird Daguerre zugeschrieben. Er war der Erste, dem es gelang eine Projektion der Camara Obscura auf einem Trägermaterial zu fixieren. Er war der Erste, der seine Entdeckung veröffentlichte. Daher wird in der Fotografie schon im Jahr 2014 das 175-Jährige Bestehen des Mediums gefeiert.